Mattmark – ein Stück Geschichte der italienischen Migration


Text: Nicoletta De Rossi

Ein beeindruckendes Buch über die Mattmark-Katastrophe zeigt das wahre Gesicht der – nicht nur – italienischen Wirtschaftsmigration und die prekären Arbeitsbedingungen der Migranten von damals. Ein Stück Geschichte, um nicht zu vergessen und daraus zu lernen, denn viele Menschen sind irgendwann einmal Migranten gewesen.

„Flüchtling“ war das deutsche Wort des Jahres 2015: Das sagt Vieles über die Aktualität der Debatte um den Zustrom von Flüchtlingen nach Deutschland. Nicht nur diese Flüchtlinge, sondern die meisten Migranten suchen bessere Lebensbedingungen, beide streben nach einem Job, der ihnen in ihrer „neuen“ Heimat Halt und Sicherheit gibt. Dass die Arbeitsbedingungen stimmen, erwartet jeder – zumindest im alten Europa. Besonders kompliziert sieht die Situation für die sogenannte Wirtschaftsmigration aus – paradoxerweise, wenn man denkt, dass man in einer globalisierten Welt lebt. Werden heute menschenwürdige Arbeitsbedingungen in Europa angeboten? Oder kann man sie teilweise mit denen vergleichen, die noch nach dem zweiten Weltkrieg herrschten? Um es besser zu machen, muss man sich mit der Geschichte beschäftigen. So hat der Migrationshistoriker und Autor Toni Ricciardi die Hintergründe der Mattmark-Katastrophe akribisch erforscht und dabei die prekären, teilweise unmenschlichen Arbeitsbedingungen der Migranten und Migrantinnen entdeckt. Das Ergebnis seiner Recherchen hat er im Buch „Mattmark, 30. August 1965 – Die Katastrophe“ zusammen gefasst.

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Am 30. August 1965 starben bei dem Unglück im schweizerischen Mattmark 88 Menschen, 56 davon stammten aus Italien – in der Schweiz machten Italiener damals mehr als die Hälfte der ausländischen Gastarbeiter aus. Ein Gletscher stürzte auf die Baracken der Fremdarbeiter, die gerade an einem Staudamm eingesetzt wurden. Die Baracken, die nie so nahe am Gletscher hätten gebaut werden dürfen, verschwanden in wenigen Sekunden unter zwei Millionen Kubikmeter Eis und Geröll – und mit ihnen die Opfer. Die Katastrophe löste in ganz Italien Bestürzung aus und prägte die europäische Migrationsgeschichte. Die Recherchen von Ricciardi lassen den Leser nachdenken – über Migration, die Menschenwürde und die Ausbeutung menschlicher und natürlichen Ressourcen. Was haben wir aus dieser Katastrophe gelernt? Was machen wir heute besser in Sachen Arbeitssicherheit und Arbeitsbedingungen? Damit werden wir uns noch weiter beschäftigen müssen.

Das Buch „Mattmark, 30. August 1965 – Die Katastrophe“ von Toni Ricciardi ist im Seismo Verlag erschienen.
ISBN: 978-3-03777-161-7
www.seismoverlag.ch

Toni Ricciardi präsentierte sein Buch auch in Nürnberg, im Rahmen der Eröffnung einer Bilderausstellung über die Mattmark-Katastrophe. Die Ausstellung, die bis Anfang Oktober im Nürnberger Gewerkschaftshaus zu sehen ist, wurde vom ver.di Migrationsausschuss Mittelfranken in Zusammenarbeit mit dem Comites Nürnberg und dem Honorarkonsulat der Italienischen Republik in Nürnberg organisiert. Die Bilder wurden vom Verein Associazione Bellunesi nel Mondo zur Verfügung gestellt. Die aus 55 Bildern bestehende Bilderausstellung wurde schon in Belluno und in Trient (durch das Verein Associazione Trentini nel Mondo) gezeigt – aus diesen zwei Regionen stammten die meisten italienischen Mattmark-Opfer.