Internationales Literaturfestival in der Lagunenstadt


Text & Bilder: Ulrike Rauh

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Eindrücke vom Besuch des internationalen Literaturfestivals auf dem Campo Santa Margherita im Herzen Venedigs.

Heute suche ich in Venedig den Campo Santa Margherita. Gedränge und laute Rufe an der Piazzale Roma, Koffer rollen, Taschen werden geschleppt. Busse füllen sich. Fast lautlose Stille liegt über der schmalen Gasse entlang dem rio, ich laufe treppauf, treppab, vertraute Geschäfte haben geschlossen, kleine Bars neu aufgemacht. Ich durchquere einen dunklen Durchgang, plötzlich vor mir dann der Campo in gleißendem Sonnenlicht.

Seine kleinen Restaurants laden ein zum Espresso, zum Aperitif. Unnahbar ragt ein hoher Turm empor, oben abgeschnitten. Einst gehörte er zur Kirche Santa Margherita, die später in ein Theater umgewandelt wurde und heute als Auditorium der Universität Ca‘ Foscari genutzt wird. Ich öffne die schwere dunkle Tür.

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Schriftsteller aus der ganzen Welt
Im nahezu vollbesetzten Zuschauerraum hat die Lesung bei dem internationalen Literaturfestival schon begonnen. Auf der Bühne steht Mohamed Moksidi aus Marokko, ein junger Mann mit dichten schwarzen Locken, schwarzer Brille. Hinter ihm auf einer Leinwand lächelt er auf einem großen Foto, ein fröhliches Lächeln. Seine auf Arabisch vorgetragenen Gedichte trägt der Übersetzer so einfühlsam vor, als wären es seine eigenen.
Der Autor Abdilatif Abdalla aus Kenia erzählt lange aus seinem Leben, unterbricht sich zwischendurch, um ein Gedicht vorzutragen. Für die Übersetzerin ein Problem, weshalb sie die Texte vielleicht deshalb etwas emotionslos vorträgt.
In der Pause gehe ich hinaus auf den Campo. Auf den breiten Tischen unter einem großen weißen Zelt stapeln sich die Bücher der Autoren dieses Festivals. Die Besucher greifen zu den Publikationen, blättern, kaufen, holen sich Autogramme.

Dieses Festival „Incroci di Civiltà“, das jedes Jahr stattfindet, wird von der Universität Ca’ Foscari und der Stadt Venedig organisiert. Insgesamt wurden im April 2018 25 Schriftsteller aus 21 Ländern eingeladen. Ihre Themen weisen wiederholt auf die Probleme unserer Zeit hin, stimmen nachdenklich.
Nach der Pause setzt großer Applaus für Gioconda Belli aus Nicaragua ein. Mit viel Gefühl und Temperament trägt sie ihre Texte vor. Ihrem Übersetzer gelingt es mühelos, diese wiederzugeben.
Die Gedichte des Chilenen Raúl Zurita sind stark geprägt von seiner Haft unter Pinochet. Mit großer Intensität vorgetragen, vermitteln sie ungemein eindrucksvoll seine Empfindungen und Reflexionen, was auch dem Übersetzer gelingt. Zurita erhält den größten Applaus dieser Veranstaltung, bei der ich einige Lesungen miterleben konnte.

Das Festival Internazionale di Letteratura (internationales Literaturfestival) fand zwischen dem 4. und dem 7. April 2018 in Venedig statt.