Unbekanntes Roero – Wo weniger mehr ist


Text: Timo Lutz

© Timo Lutz
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Das Hügelland nördlich von Bra führt ein Schattendasein in Italiens zweitgrößter Region, dem Piemont. Von den bekannten Hügeln der Region Langhe mit ihren weltberühmten Rotweinen durch das breite Tànaro-Tal getrennt, liegt das Roero ein wenig im Abseits. Weniger spektakulär, weniger trendy – und gerade deshalb eine Reise wert.

© Consorzio Tutela Roero
© Consorzio Tutela Roero

„Vom großen Tourismus-Kuchen bekommen wir nur die Krümel ab“, erklärt uns Davide Palluda, der Koch von Ristorante e Osteria All’Enoteca in der beschaulichen Kleinstadt Canale im Herzen der Hügel und Sandhänge des Roero. „Aber das ist auch gut so, denn so viel Platz haben wir im Roero ja gar nicht“. Am Türschild seines Spitzenrestaurants, das in der Enoteca Regionale, der Weinhandlung der lokalen Weinproduzenten, untergebracht ist, glitzert ein Michelin-Stern. Der junge Sternekoch bietet zum Mittag zu fairen Preisen piemontesische Spitzenküche: traditionell, bescheiden, aber deshalb nicht weniger chic. Der Klassiker Vitello Tonnato, in Roero-Rotwein geschmorte Kalbsbäckchen, eine Haselnusscreme mit Zabajoneschaum zum Nachtisch, dazu ein Glas guter Arneis sind schon für unter vierzig Euro zu haben. Weniger ist eben mehr im Roero.

© Timo Lutz
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© Davide Palluda
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Geschäftige Kulturlandschaft
Soweit das Auge reicht, ist das Roero von Landwirtschaft geprägt: Hier wachsen in dichten Wäldern Kastanien, in unendlich vielen, fein säuberlich gepflegten Rebbergen Weine und an unzähligen trichterförmig in den Himmel rankenden, akkurat beschnittenen Büschen die berühmte Haselnuss aus dem Piemont. Heute werden Pfirsiche, Kirschen und die kleine, süße Madernassa-Birne, die nur hier wächst, frisch von den sanften Roero-Hügeln vor allem lokal verkauft: Der größte Obst- und Gemüsemarkt des Roero findet jeden Dienstag in Canale statt und lockt Einkäufer wie Urlauber in die Kleinstadt. Das war nicht immer so: „Früher musste ich mit meinen Eltern unser Obst und Gemüse bis weit in die Städte karren, um es loszuwerden“, erzählt uns Giovanni Negro, Weinbauer auf seinem imposantem Weingut, das auf einem Hügel des Winzerdorfs Monteu Roero thront. Damals, in den 1950-er und 1960-er Jahren, gaben die väterlichen Hügel gerademal 15 Glasballons Wein ab, der mehr schlecht als recht Käufer fand.

© Harald G. Koch
© Harald G. Koch
© Timo Lutz
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Vom Tafelwein zur Wiederentdeckung uralter Trauben
Überhaupt spielte der Weinbau, der die nahen Hügel der Langhe zwischen den Piemontesischen Weinkapitalen Asti und Alba schon zu Zeiten der Savoyerkönige weltberühmt gemacht hatte, viel zu lange eine untergeordnete Rolle. Die sandigen Roero-Hügel wurden vor allem mit einfachen Barbera-Rebstöcken überzogen, die nicht selten zum Strecken und Verschneiden von Weinen aus den Langhe oder als Tafelwein verhökert wurden. Die uralte Weinsorte Arneis wurde, wenn überhaupt, zum Eigenverbrauch angebaut und zu Süßwein vergoren. Doch der junge Giovanni Negro machte sich in den 1960er- Jahren daran, den Arneis-Most komplett zu trockenem Wein durchzugären. Der Roero Arneis war wiedergeboren, der blasse bis strohgelbe, fruchtige, sommerliche Weiße, der seine Qualität erst durch eine mittellange Reife erhält. Doch es gehört schon ein wenig Know-how dazu, aus den ockerbraunen, bröseligen, kaum tonhaltigen Sand- und Gips des Roero einen Top-Wein heraus zu kitzeln. Vor allem die junge Generation macht sich daran, den Roero Arneis und den roten Nebbiolo, der hier als DOCG-Wein schlicht „Roero“ heißt, mit viel landwirtschaftlichem und önologischem Fachwissen und cleverem Marketing bekannt zu machen. Wie bei dem Jungbauern Giacomo Barbero aus Canale: Selbstbewusst wird sein Wein zur Personality, mit geschickt durchgestyltem Marketing setzt er sich und seinen erstklassigen Weißwein in Szene. Doch das Ganze ist nicht nur Show: Dahinter stecken vier Generationen Weinbautradition, ein Betriebswirtschaftsstudium und der regelmäßige Austausch mit Kollegen. Einmal im Jahr, bei den „Roero Days“ im Mai, stellt sich der Winzerverband der Region internationalen Einkäufern und Weinexperten vor. Dabei spürt man kaum Konkurrenz zwischen großen Weinbauern und kleinen Familienbetrieben – gefeiert und getrunken und an die immer größer werdende Fangemeinde verkauft wird hier lieber gemeinsam. Weniger Konkurrenz kann eben auch mehr sein.

Königlicher Ausblick
Wie die Langhe entstand die Region durch eine geologische Auffaltung vor 20 Mio. Jahren, doch das Roero war zu Urzeiten sandiger Meeresboden. An vielen Stellen stürzen Sand- und Gipshänge steil ab und bilden Schluchten und bröselige Felsnadeln, die sogenannten Rocche. Geologie-Fans können sich in dem Sedimentgestein auf die Suche nach Fossilien machen.
Am Südrand des Roero, wo die Talhänge zum Tànaro steil abfallen, war Platz zur Errichtung repräsentativer Schlossbauten wie die mächtige Burg von Monticello d’Asti, in der seit 1376 die Adelsfamilie Roero residiert, die dem Landstrich ihren Namen gab und ihren wuchtigen Palazzo bis heute nur an wenigen Tagen im Jahr öffnet. Oder das Castello di Guarene, dessen prächtige, geschwungene Barockfassade aus Ziegelstein heute ein Luxushotel beherbergt. Ein weniger edles Ende nahm die ehemalige Sommerresidenz der Savoyer in Govone: Der Prachtbau ist heute Rathaus der kleinen Gemeinde am Ostrand des Roero. Doch der Ausblick von der breiten barocken Freitreppe auf das Tànaro-Tal ist auch heute noch königlich.

Staufreie Outdoor-Region
Ein dichtes Netz an kaum befahrenen Wegen durchzieht die Kulturlandschaft des Roero, das sich über 24 Gemeinden erstreckt: Wer hier ganz in Ruhe wandern, oder entspannt e-biken will, wird kaum gestört, überholt oder gestresst, ganz anders als in so manchen trendigen Weinbauregionen, wo sich zur Saison Ausflügler, Biker und Nordic Walking Begeisterte die wenigen engen Panoramasträßchen teilen. 250 Kilometer GPS-vermessene und gekennzeichnete Trekking- und Mountainbike-Strecken führen durch Obstgärten, Weinberge und an Bergkämmen entlang, und in charmanten Orten, wie Canale, Montà, Priocca oder Castellinaldo, kann in Weinlokalen pausieren oder Sternegastronomie genießen – alles wenig aufgeregt, dafür authentisch, wenig prätentiös, aber deshalb nicht weniger chic als in den Langhe. Im Roero ist eben weniger mehr.

© Timo Lutz
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Ente Turismo Alba Bra Langhe Roero
Das Tourismusamt der Region bietet einen Gesamtüberblick über Unterkünfte, Sehenswürdigkeiten und Veranstaltungen und ist auf den wichtigen Social Networks aktiv. www.langheroero.it

Enoteca Regionale del Roero 2.0
Alle Weine des Roero gibt es in der regionalen Weinhandlung zu verkosten. In der Enothek ist auch das Spitzenrestaurant von Davide Palluda untergebracht www.davidepalluda.it
www.roeroturismo.it

Ecomuseo delle Rocche del Roero
Das als Freilichtmuseum konzipierte Tourismusamt bietet auf seiner Webseite kostenlose Fahrrad- und Trekking-Touren zum GPX-Download an, außerdem ein Verzeichnis von Museen, Bikewerkstätten und Campingstellplätzen.
www.ecomuseodellerocche.it

„Merian live!“ Piemont. Turin. Lago Maggiore
Der kleine, kompakte Reiseführer widmet ein ganzes Kapitel der Region Langhe und Monferrato.
www.merian.de

© Davide Palluda
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