Vom Bodensee nach Bassano – auf dem Rennrad nach Italien


Text und Bilder: Maren Recken

burst

Vier Tage haben wir eingeplant, um von Konstanz am Bodensee nach Bassano del Grappa im italienischen Venetien zu radeln. Rund 500 Kilometer, knapp 5000 Höhenmeter auf dem Rennrad über die Alpen.

Die Etappen vom deutschen Konstanz nach Bassano del Grappa im italienischen Venetien sind bereits vor dem Start festgelegt, die Hotelzimmer für die Übernachtungen gebucht, ein Begleitfahrzeug fährt mit, sollte es Konditionsprobleme oder Pannen geben. Glücklicherweise brauchen wir weder für den einen noch für den anderen Fall diese Hilfe. Dafür erweist sich das Begleitfahrzeug an den vordefinierten Treffpunkten als wahrer Luxus, um Trinkflaschen aufzufüllen, Bananen und Fitnessriegel zu bunkern oder um nach einem schweißtreibenden Anstieg auf der Passhöhe das verschwitze Trikot gegen ein frisches zu tauschen.

1 Vier Radler und zwei fÅrs Begleitfahrzeug
2 Start am Bodensee entlang
6 Etappenziel 1 in Gaschurn erreicht

Erster Tag
Von Konstanz aus radeln wir am See entlang, via Schweiz über Romanshorn, Arbon und Sankt Margarethen nach Österreich. Der See liegt unter einer leichten Dunstglocke und obwohl wir auf der Straße fahren, können wir die Aussicht genießen. Schweizer Autofahrer sind extrem rücksichtsvoll. Sogar die LKWs fahren geduldig hinter unserer Gruppe her, bis sie gefahrlos überholen können.
Einmal Regen muss offensichtlich sein, bei der ersten kurzen Rast nach rund 70 Kilometern reicht es gerade noch die Neoprenüberzieher über die Radschuhe zu pfriemeln und die Regenjacke überzuwerfen, bevor ein heftiger Guss für eine kurzzeitig verlangsamte Fahrt sorgt. Von unten spritzt es nass von oben kübelt es aus Eimern. „Warum hat noch keiner die Radbrille mit Scheibenwischer erfunden?“, überlege ich und wische mir zum wiederholten Mal die Tropfen von der Brille. Auf Nebenstraßen und leider teilweise auch auf der relativ stark befahrenen B190 geht es weiter nach Bludenz, Sankt Anton und schließlich in einem moderaten Anstieg zum ersten Etappenziel Gaschurn. Der Regen hat zum Glück nur ein kurzes Intermezzo gegeben.

4 Der obligatorische Regenguss kommt bereits am ersten Tag
3 Begleitfahrzeug fÅr die Verpflegung unterwegs
5 Die Tour fÅhrt Åber Stra·en und Radwege
6 Etappenziel 1 in Gaschurn erreicht

Zweiter Tag
Das in 979 Metern Höhe gelegene Gaschurn, am Fuße der Silvretta Hochalpenstraße, erweist sich am zweiten Tag als optimale Ausgangsbasis, um den Aufstieg bis zur Passhöhe in Angriff zu nehmen. Knappe 10 Kilometer in leichter Bergauffahrt zum moderaten Einrollen, dann wird der Anstieg steiler und die Wolken dichter, fast wie Nebel. Das Rücklicht am Rennrad gibt etwas Sicherheit. Und das definitiv nicht ausflugfreundliche Wetter hat den Vorteil, dass wir relativ alleine unterwegs sind. Da ist es nicht weiter schlimm, dass keiner ein Frontlicht dabei hat.
Die Steigung liegt teilweise im zweistelligen Bereich. Ich lerne die Serpentinen bergauf zu lieben: Im Scheitel sind sie herrlich flach und bieten zwei, drei Pedaltritte lang fast Erholungswert. Auf der Passhöhe reißen die Wolken gerade rechtzeitig zum Erinnerungsfoto an der Staumauer auf. Dann haben wir eine herrlich lange Abfahrt vor uns, auf der man die Räder so richtig laufen lassen kann. Doch ohne Fleiß kein Preis, bevor wir das zweite Etappenziel in Nauders erreichen, müssen wir noch einmal rund 1000 Höhenmeter bewältigen. Der Weg führt kurzzeitig zurück in die Schweiz und bei Martina in einen kurvenreichen Anstieg zur Norbertshöhe, bevor wir nach einer kurzen Abfahrt endgültig nach Nauders rollen. Tag zwei geschafft.

7 Start auf die Silvretta Hochalpenstra·e
8 Beim Anstieg sind die Spitzkehren fast erhohlsam
9 Auf der Silvretta Hochalpenstra·e geht es in die Wolken
10 Auf der Silvretta Hochalpenstra·e geht es in die Wolken

Dritter Tag
Auch Tag drei unseres Alpencross beginnt mit einem leichten Anstieg, hinauf zum Reschensee. Vor dem berühmten Kirchturm im See folgt das obligatorische Erinnerungsfoto. Dann entscheiden wir uns bis nach dem Haidersee für die relativ starke befahrene Straße, weil der Radweg eine nicht fürs Rennrad geeignete Schotterpassage enthält. „Was waren die Schweizer Autofahrer doch rücksichtsvoll“, denke ich, während uns ein Auto mit Wohnwagen immer wieder angehupt und anschließend beim Überholen schneidet. Wir genießen die Abfahrt trotzdem und zweigen bei erster Gelegenheit auf den Etschtalradweg ab. Und der ist wirklich schön. Mit Gefällstrecken, die teilweise im zweistelligen Bereich liegen folgt er dem gurgelnden Flusslauf ins Tal. Wo das Gefälle zu steil für die Geradeausfahrt ist, führt der Radweg in Serpentinen den Berg hinunter. Eine Minipassstraße nur für Radler, ganz ohne Autos. Das Radlerleben könnte so schön sein, doch unser Tourenplaner scheint es nicht allzu gut mit uns gemeint zu haben. Bevor wir unser drittes Übernachtungsquartier beziehen können, müssen wir noch einen Anstieg nach Eppan (St. Michael) bewältigen. Doch der hat sich gelohnt, das Örtchen mit seinen gepflasterten Straßen besticht mit alpenländischem Charme und zufällig findet an diesem Abend im Stadtzentrum ein Fest statt.

11 PÅnklich zum Gipfelfoto rei·en die Wolken auf
13 An der Etsch entlang geht es Richtung Meran
14 Der Etschtalradweg ist gut ausgebaut

Vierter Tag
Obwohl wir jeden Tag zwischen 120 und 130 Kilometer im Sattel sitzen, vergeht die Zeit viel zu schnell und mit der Etappe von Eppan nach Bassano del Grappa sind wir bereits am letzten Tag unseres Alpencross angekommen. Richtung Kalterer See fahren wir zunächst ein Stück auf der Straße und dann wieder auf den Etschtalradweg. Weil es ab jetzt bis Bassano fast nur noch bergab gehen würde, schieben wir noch einen kleinen Aufstieg und ein kleines Schmankerl ein. Ein Besuch auf dem Weingut von Francesco Moser, der in den 1970er und 1980er Jahren einer der erfolgreichsten italienischen Radrennfahrer war. Ein winziger Testschluck Wein ist trotz Radfahrens drin, ansonsten bewundern wir die zahlreichen im Weingut ausgestellten Trophäen und ehemalige Fahrräder Mosers. „Ob wir mit einem schweren Stahlrahmen, mit Unterrohrschaltung und Körben statt Klickies an den Pedalen den Alpencross auch so genossen hätten?“, fragen wir uns beim Anblick der ausgestellten Räder. Und beschließen angesichts unserer Hightech Räder: „Das waren noch wahre Helden“.

15 Etschtalradweg landschaftlich schîn und gut ausgebaut
16 Abstecher zum italienischen Ex-Rennradprofi Francesco Moser
17 Abstecher zum italienischen Ex-Rennradprofi Francesco Moser

Bevor es auf dem Brentaradweg, einem gut ausgebauten und top gepflegten Radweg, durch das Valsugana bis nach Bassano del Grappa geht, liegt zwischen Trient und dem Lago di Caldonazzo ein Straßenstück auf der SS47, das nicht mit den Rädern befahren werden darf. Hier scheiden sich die Geister: Auf Nebenstraßen, mit einigen Höhenmetern einen Umweg von rund 20 Kilometern fahren oder einen kurzen Transfer im Begleitfahrzeug in Anspruch nehmen? Wir entscheiden uns für letzteres, weil die geschätzte Tagesetappe bis Bassano ohnehin schon bei über 130 Kilometern liegt, und wir dort bereits zum Aperitif auf der Ponte degli Alpini verabredet sind.

19 Geschafft, in Bassano angekommen
837e96362117c5f335ffae178bd683409d06ca29930548f9ed0c72ab47dbcc4a