5 Tage auf dem Vinschger Höhenweg


Text und Bilder: Jörg Bornmann

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„Hast Du Ostern schon etwas vor?“ Mario, mein Freund aus Berlin, ruft mich im Februar an. „Ich hätte Lust einen Fernwanderweg zu gehen.“ Ich schlage ihm den Vinschger Höhenweg vor. „Den 2011 eröffneten 6 Etappenweg von Schloss Juval bis zur Etschquelle wollte ich in diesem Frühjahr eh laufen und durch die warme Witterung in Südtirol müsste er Ostern bereits gut begehbar sein.“

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Gesagt, geplant, getan: Wir suchen uns die entsprechenden Informationen und stellen uns angelehnt an den Höhenweg eine Genusstour zusammen. Wir besuchen Schloss Juval, die Churburg, Glurns mit seiner vollständig erhaltenen Stadtmauer und die Bunkeranlagen am Reschenpass, lassen uns Abends von den Wirten unserer Unterkünfte kulinarisch verwöhnen und suchen das Gespräch mit Vinschger Originalen – einem Apfelbauer, einem Hofkäser und einem Regionalentwickler.

Gründonnerstag reisen wir in den Vinschgau: Die Verbindung mit der Bahn ist sehr gut, bis Bozen mit dem Eurocity, dann mit der Südtirolbahn nach Meran und weiter mit der Vinschger Bahn nach Tschars; dort übernachten wir im „Himmelreich“, so heißt das Hotel und lassen uns vom Küchenchef mit Bärlauchknödel auf Spargelragout und Zwiebelrostbraten bekochen.

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Vom Schloss Juval bis zum Oberkaser
Am Karfreitag geht es endlich richtig los. Wir starten in Staben, dem offiziellen Einstieg in den Vinschger Höhenweg. Nach einer Stunde erreichen wir bereits ein erstes Highlight, die Sommerresidenz von Reinhold Messner, Schloss Juval. Auf den letzten Metern zum Schloss empfängt uns ein ins Pflaster eingelassenen NAISHO, ein Willkommensgruß aus dem Himalaya. Martin, der Schlossführer, erzählt uns viel Wissenswertes zur Sammlung, den verschiedenen Religionen und deren Gemeinsamkeiten, zum Schloss und nicht zuletzt zum wohl bekanntesten Bergsteiger Südtirols. Unser Etappenziel ist heute der Oberkaser in St. Martin im Kofel auf 1.740 m. Vorbei an Waalwegen, Apfelplantagen, durch den Wald, über freien Wiesen und Almflächen führt ein abwechslungsreicher Weg entlang der Sonnenseite des Vinschgaus. Hecken und Bruchsteinmauer bieten zahlreichen Vogelarten, Käfern, Schmetterlingen, Schlangen und Eidechsen einen hervorragenden Lebensraum. Während die meist ungiftigen, einheimischen Schlangen noch nicht aktiv sind, rascheln die scheuen Eidechsen an jeder Ecke neben dem Weg. Ständig öffnet sich ein wunderschöner neuer Blick über das Tal auf die gegenüberliegenden Berge der Ortlergruppe.

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Über Laas zur Etschquelle
Auch am zweiten Tag ist uns das Wetter wieder wohl gewogen: Bei Temperaturen über 20°C geht es Richtung Laas. Wir kürzen die  Etappe etwas ab, da wir in Laas einen Biobauern besuchen und uns natürlich auch über den weltberühmten Laaser Marmor informieren möchten. Wir bleiben zunächst auf der Höhe, wenig geht es bergauf oder bergab, und so marschieren wir gemütlich dahin und können die Natur um uns herum genießen. Es riecht nach frischem Grün, nach Wald; rechts und links des Weges begleiten uns die Frühlingsblüher, während im Tal bereits die Apfelbäume in der Blüte stehen.
Weiter geht es am dritten Tag bis zur Churburg aus dem 16. Jahrhundert und nach Glurns, einer wunderschönen kleinen Stadt mit einer vollständig erhaltenen Stadtmauer.

Karl Gapp führt uns durch das Städtchen und erteilt uns eine kleine Geschichtsstunde: „Glurns war immer wieder Ziel von Überfällen aus der Schweiz, man hat den Eindruck, dass die Stadt immer überfallen wurde, sobald ein Schweizer Fürst schlecht gelaunt aufwachte.“ Am vierten Tag führt uns der Weg nach Planeil. Lag unser Augenmerk am dritten Wandertag auf der Historie des Vinschgaus, steht heute wieder die Kulinarik Südtirols im Mittelpunkt. Pasta trifft Knödel: Das ist die Südtiroler Küche, und beides lässt mein Herz höher springen und löst Aquaplaning in meinem Mund aus. Bevor wir am Ende der Etappe einen Biokäser besuchen, nehmen wir einen kleinen Umweg über die „Spitzige Lun“, dem Hausberg von Mals und mit 2.324 m der höchste Punkt unserer Fernwanderung.

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Schnell sind die fünf Tage vergangen und beim Weg zur Etschquelle, vorbei am Reschensee mit seinem berühmten Kirchturm, der mitten aus dem See ragt, überlegen wir bereits, wo wir unsere nächste Wanderung unternehmen. Wir sind uns einig, dass es keine schönere Form wie das Fernwandern gibt, um eine Region kennen zu lernen. Bei vernünftiger Planung kann man von einer solchen vielfältige Eindrücke mitnehmen und so nicht nur das Land, sondern auch die Leute kennen lernen.

Jörg Bornmann ist Herausgeber der Online-Magazine „wanderfreak“ (www.wanderfreak.de), „radlfreak“ (www.radlfreak.de) und „genussfreak“ (www.genussfreak.de)