Bisso: unbezahlbar und kostbar


Text und Bilder: Evelyn Watzka

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Chiara Vigo aus dem sardischen Sant’Antioco beherrscht die antike Kunst, Bisso zu gewinnen.

Bisso (Byssus) oder Meerseide, auch Faden der Götter und Könige genannt, ist wohl eine der ältesten und wertvollsten Textilfasern, die es gibt. Mit ihm werden Leinenstoffe bestickt oder kleine gestrickte Einsätze für Taufkleidchen hergestellt. Der Vorhang des Tempels in Jerusalem soll aus Byssus gewebt gewesen sein, und Moses, als er in einem Körbchen am Nil ausgesetzt wurde, soll in einem Byssushemdchen gekleidet gewesen sein. Das unbezahlbar kostbare Material Byssus war nur Königen vorbehalten. Bis heute gilt der Spruch: Byssus kauft und verkauft man nicht, Byssus bekommt man geschenkt.

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Es gibt weltweit nur noch eine Meisterin, Chiara Vigo, die diese geheimnisvolle und antike Kunst –  erste Funde datieren auf 7000 v. Chr. – beherrscht. Die Faser stammt von den Ankerfäden der Pfahlmuschel (pinna nobilis), die streng geschützt in den seichten Gewässern vor Sant’ Antioco auf Sardinien lebt. Früher mussten die Muscheln sterben, um an die wertvolle Faser zu kommen. Heute hat Frau Vigo in Apnoe-Tauchtechnik eine Methode entwickelt, in der sie an wenigen Tagen im Frühling nur ein paar Fäden erntet, die Muschel lebt unbeschadet weiter. In einem sehr langwierigen Prozess werden die Fäden gereinigt, getrocknet, sortiert, gesponnen und mit einem Elixier aus den braunen struppigen Fasern in glänzende, leicht elastische Fäden verwandelt – Magie pur, als ich Chiara letztes Jahr dabei zusehen durfte.

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Sie lebt und arbeitet in Sant’ Antioco, der gleichnamigen Halbinsel auf Sardiniens Südwestspitze; ihre Tochter wird gerade zu Nachfolgerin ausgebildet. Das traditionell mündlich überlieferte (Geheim-)wissen wird seit Generationen nur in der Familie weitergegeben. So einzigartig ist diese textile Kunst, dass sie zum immateriellen UNESCO-Weltkulturerbe erklärt wurde.

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Dem Byssus-Museum droht die Schließung wegen angeblicher Sicherheitsbedenken bezüglich Hausinstallationen. Chiara Vigo hat aber prominente Freunde, wie die weltbekannte Schauspielerin Maria Grazia Cucinotta. Sie stellte eine Petition an den italienischen Staatspräsidenten und die Regional- und Lokalpolitiker auf www.change.org ein.