Siziliens König: der Ätna


Text und Bilder: Christine Sonvilla & Marc Graf

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Um feuerspeiende und dampfende Vulkane zu erleben, muss man nicht gleich ans andere Ende der Erde reisen, es reicht schon ein Abstecher ins Mittelmeer. Siziliens Ätna sorgt regelmäßig für Feuer, Dampf und Asche. Grund genug dem mächtigen Berg einen Besuch abzustatten.

Mit Vulkanen assoziieren wir in erster Linie ferne Gefilde. Papua Neuguinea, Mexiko oder Hawaii, hier liegen die Brodelherde. Tatsächlich müssen wir als Mitteleuropäer aber gar nicht so weit reisen, um die Aktivität der Feuerspeier hautnah zu erleben. Es reicht ein Flugticket in den Süden Europas, denn hier liegen die Brodelherde des Mittelmeers: zum Beispiel auf der großen, quirligen Insel Sizilien. Der aktivste Vulkan Europas, der Ätna, ist nicht nur schon von weitem zu sehen, er prägt auch Land und Leute.

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DER GIGANT
Bergführer Biagio und Emanuela, die den Ätna seit frühen Kindheitstagen heiß liebt, erwarten uns bereits. In 1.900 Meter Seehöhe treffen wir uns beim Rifugio Sapienza, dem Ausgangspunkt für Touren auf den Vulkan.
Wir alle kennen den Paradevulkan mit einem Schlot, wie jenen, den der kleine Prinz auf seinem Planeten tagtäglich fegt. Um den Ätna zu fegen, bräuchte es allerdings schon eine ganze Armee. Wenn wir seine vier Gipfel- und 400 Nebenkrater näher in Augenschein nehmen wollen, gilt es noch deutlich höher zu klettern, gleichzeitig stehen wir beim Rifugio Sapienza schon längst auf dem gigantischen Vulkan: Der Ätna erstreckt sich über 1.200 Quadratkilometer und ist die Heimat von rund 900.000 Menschen. Sie müssen den Berg erst gar nicht erklimmen, sie leben auf ihm!

Wir nehmen die Seilbahn, die uns zur Vulkanstation La Montagnola in 2.500 Meter Höhe bringt. Hier steigen wir um auf massive Allradbusse – jedes ihrer Räder so groß wie ein Fiat Punto – und überqueren die breiten Aschefelder des höchsten Vulkans Europas. Der Ätna scheint immer mächtiger zu werden. Beim Torre del Filosofo in 2.900 Meter ist schließlich Endstation. Von hier aus sehen wir den rauchenden Gipfel – 3.329 Meter misst der Vulkan momentan. Nur zwei Tage sind wir zu spät, sonst hätten wir ihn sogar lavaspeiend erlebt.
Die Chancen den Ätna in Aktion zu erleben, stehen gut, denn seit gut zwei Jahren durchlebt er eine „Sturm und Drang“-Phase. Im Dezember 2014 ereignete sich ein denkwürdiger Ausbruch. Eine Lavafontäne schoss bis zu einem Kilometer hoch in die Atmosphäre, einige der glühenden Brocken wurden sogar bis in drei Kilometer Höhe geschleudert. Wissenschaftler werteten diesen Ausbruch des Ätna als den heftigsten seit Jahrzehnten.

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Freilich hält sich bei einer solch gewaltigen Eruption niemand in unmittelbarer Nähe der Krater auf, aber viele, weiß Emanuela, unterschätzen die Gefahr. „Ohne passende Ausrüstung und Wegkenntnis stürmen die Menschen bei einem Ausbruch den Berg, um mit ihren Handys ein Foto zu schießen. Nicht selten endet so ein Ausflug damit, dass die Bergrettung ausrücken muss, um verletzte oder verirrte Personen aufzulesen.“

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Rund 1.000 Grad Celsius heiß ist die Lava, wenn sie aus der Erde hervorbricht – für Improvisation ist da kein Platz. Biagio zeigt uns eine erkaltete Lavaaustrittsstelle, eine Höhle, in der locker zwei Dutzend Menschen Platz haben. Sie erweitert sich zu einer erstarrten Halfpipe. Am Ätna erscheint alles überdimensioniert. Das Gestein ringsherum, ja am ganzen Berg, ist lose und scharfkantig. Bei jedem Schritt gilt es konzentriert zu bleiben, ein paar flotte Sprünge über das Aschefeld und schon kommt man außer Atem – die Höhe macht sich eben bemerkbar. Dafür wird man reichlich belohnt, mit bizarren Formen, glitzernden Schneefeldern, tiefschwarzem bis rostrotem Gestein und grandiosen Ausblicken.
Vulkan-Fieber garantiert!

Das Naturfotografen-Duo Christine Sonvilla & Marc Graf leiten regelmäßig Reisen mit Fotografie-Schwerpunkt zu den Vulkanen Italiens. Mehr Infos dazu finden sich auf der Website des österreichischen Foto-Reiseveranstalters ARR www.arr.at und auf den Webseiten der beiden Fotografen www.sonvilla.at und www.grafmarc.at